Die Motivation des Ehrenpräsidenten des Golfclubs

Der Ehrenpräsident des Golfclubs, Dr. Fritz-Martin Müller, Arzt für Psychiatrie/Psychotherapie und Kinder- und Jugendpsychiatrie berichtet über seine Motivation zu diesem einmaligen Projekt

Golf und Erholung

Das Golfspiel und eine Golfplatzanlage bieten mannigfaltige Möglichkeiten der Erholung. Einerseits ist es das Spiel selbst, das für den Ausübenden ein hohes Maß an Erholung bedeutet, andererseits ist die Golfplatzanlage durch eine weitest mögliche Nutzung durch Spaziergänger über "sichere" Wege eine interessante und attraktive Möglichkeit der Naherholung. Der Golfsport verlangt vom Spieler in der Vorbereitung auf den Schlag und beim Schlag selbst ein hohes Maß an Konzentration. Dadurch werden Alltagssorgen ausgeblendet, der Spieler "schaltet ab". Nach der hochkonzentrierten Anspannung für den Schlag kommt eine Phase der totalen Entspannung, unterstützt durch die Bewegung auf dem Weg zum nächsten Schlag. Dieses Wechselspiel verbunden durch die Bewegung an der frischen Luft, macht den Golfsport so wertvoll.

Ein weiterer Aspekt ist die Bewegung auf dem federnden Untergrund der Spielbahnen (fairways). Die Gelenke werden bewegt, aber optimal geschont. Das Tempo wird aufgrund des Regelwerkes automatisch vom langsamsten Mitspieler (insgesamt max. 4 pro flight bestimmt. So ist ein entspanntes Spiel zwischen sowohl leistungsstarken und schwächeren, wie auch zwischen gehaktiven und langsameren Mitspielern möglich. Die Integration von unterschiedlichen Alters- und Leistungsgruppen, Menschen mit Behinderungen und Menschen ohne Behinderungen und auch Männern und Frauen in einer Spielgruppe, in optimaler Weise möglich. Keine andere aktive Sportart bietet diese Möglichkeit der Integration dermaßen unterschiedlicher Voraussetzungen. Die Kommunikation der Spieler während des Spielverlaufs fördert und erleichtert jeden zwischenmenschlichen Kontakt, auch den von Menschen mit und ohne Behinderungen!

Deshalb ist der Golfsport schon allein aus dem integrativen Gedanken eine Erholung für Seele und Körper. Besucher der Anlage, die nicht Golf spielen und Spaziergänger, die über gesicherte Wege den Platz durchqueren, erleben eine naturnahe, teils gepflegte (Spielbahnen, sog. fairways und greens), ökologisch sinn- und wertvolle Landschaft mit hohem Erholungswert. Das Auge kann sich an der sehr abwechslungsreichen Anlage erfreuen, der überwiegend einsehbare Spielbetrieb wird Interesse am Zuschauen oder auch Ausprobieren wecken. Vor allem, wenn Golf nicht als elitärer Sport, sondern für Jeden bezahlbar zugänglich gemacht wird.

Golf und Rehabilitation

Das Golfspiel und auch das Erlernen desselben, übt auf alle Menschen, vor allem Menschen in extremen oder schwierigen Lebenssituationen, einen außerordentlich positiven Einfluss aus. Gemeint sind beide Aspekte, sowohl der physische wie auch der psychische. Den wichtigsten Einfluss übt hier der Charakter des Spiels aus. Das Golfspiel ist kein "Kampf", z.B. "Mann gegen Mann" (oder Mannschaft gegen Mannschaft), es ist- obwohl bis zu vier Spieler in einer Spielrunde agieren können- ein Spiel immer gegen sich selbst. Bedingt durch die Vorgabe-Regelung (handicap) können unterschiedlich spielstarke Personen miteinander spielen. Dadurch erscheint ein "Wettbewerb" geradezu möglich, trotzdem unterbleibt er praktisch. Wesentlich ist hier, dass man nicht auf eine Aktion des Anderen (z.B. beim Tennis) agieren muss, sondern seinen eigenen Ball mit ca. 70 bis 120 Schlägen über die insgesamt 18 Spielbahnen bewegt. Keine der eigenen Aktionen wird von einem Mitspieler beeinflusst, jeder macht sein Spiel. Im Gegenteil, man freut sich über einen besonders gelungenen Schlag eines Mitspielers und erfährt dadurch eine zusätzliche Eigenmotivation. Gelten diese Grundsätze für jeden Golfspieler, um wie viel mehr Bedeutung haben sie für Menschen in physisch und/oder psychischer Rehabilitation. Der Schlüssel ist das Erfolgserlebnis bei der Ausübung des Golfsports. Jeder Mensch, vor allem aber der physisch und/oder psychisch Erkrankte, braucht Erfolgserlebnisse. (Nur wenige Menschen mit bestimmten Krankheitsbildern sind grundsätzlich oder zumindest zeitweise nicht in der Lage, den Golfsport auszuüben.) Menschen, die z.B. wegen eines Unfalls oder einer schweren Erkrankung dauerhaft erwerbsunfähig oder längerfristig arbeitsunfähig sind, sich eventuell zusätzlich mit einer körperlichen Einschränkung längerfristig oder dauerhaft abfinden müssen, sind in ihrem Selbstwertgefühl erheblich gestört und oft mit der Lebenssinnfrage oder einer Umorientierung des bisherigen Lebensinhaltes äußerst belastet. In dieser Phase kann der Golfsport eine außerordentlich positive therapeutische Bedeutung erlangen. Die meisten Betroffenen haben vorher diesen Sport nicht ausgeübt. Deshalb kann jeder Trainings- und später auch Spiel-Erfolg eine erhebliche Stabilisierung des Selbstwertgefühls bedeuten. Bei physischen Einschränkungen, die allerdings immer auch mit psychischen Belastungen einher gehen, gibt es einen weiteren wichtigen Aspekt. Bei erstmaligem Ausüben des Golfsports entfällt der permanente Vergleich zu dem ehemals vorhandenen Leistungsvermögen. Ein Tennisspieler wird nach einer Oberschenkelamputation seine eingeschränkte Beweglichkeit immer wieder mit dem Zustand vorher vergleichen. Wenn er überhaupt den Tennissport wieder aufgreifen kann, wird er höchstwahrscheinlich kurzfristig und völlig frustriert diesen Sport beenden! An Stelle des Tennisspiels ist nahezu jede Sportart zu benennen, die vor dem einschränkenden Unfall oder der Erkrankung ausgeübt wurde. Auch, weil es sich immer um den direkten Vergleich mit einem Spielpartner (oder Mannschaft) handelt und auf eine Aktion des Anderen direkt (z.B. durch Retournierung eines Balles) geantwortet werden muss. Solche Reaktion auf die Aktion eines Mitspielers gibt es beim Golf nicht!

Golfspielen bedeutet im Regelwerk festgeschriebene höchste Fairness und Ausgleich der unterschiedlichen Spielstärke. Allein diese Grundsätze prädestinieren das Spiel für jegliche unterstützende medizinische Rehabilitationsbehandlung. Das Golfspiel kann auch von erheblich körperlich eingeschränkten Menschen ausgeführt werden. Fast alle neurologischen Patienten die einen Arm benutzen können, sind für den Golfsport geeignet, denn Golf lässt sich auch mit einem Arm, auch sitzend im Rollstuhl, spielen. Wichtig ist nicht die grobe Kraft des Schlages, sondern der Schwung der Arme bzw. des einen funktionsfähigen Armes. Aus diesem Grund ist der Golfsport auch bei fast allen orthopädischen Krankheitsbildern möglich- besonders bei Amputationen. Eine Kontraindikation bei Erkrankungen aus dem Bereich der Inneren Medizin ist mir nicht bekannt. Selbst Rheumakranke mit erhaltener Greiffunktion einer Hand spielen Golf. Auch stark Sehbehinderte, sogar Blinde, spielen Golf. Diese erhalten Hilfestellung bei der Ausrichtung des Schlägers und eine möglichst genaue Angabe über die zu überwindende Distanz. Durch einen entsprechend dosierten Schwung und damit Schlag sind sie in der Lage, einen Platz zu bespielen. Bei der 1. Europameisterschaft für Golfer/Innen mit Behinderungen vom 17.-19.08.2001 in Maria Bildhausen (Nordbayern), die unter der Schirmherrschaft von Bundeskanzler Gerhard Schröder stand, spielte eine Gruppe Blinder und stark Sehbehinderter mit um die Meisterschaft. Ganz besonderen therapeutischen Wert hat das Golfspiel für hyperaktive Kinder. Hier verbindet sich die Notwendigkeit der Konzentration beim Schlag in idealer Weise mit dem starken Bewegungsdrang des Kindes. Der soziale Aspekt gehört auch in die Rehabilitation. Oftmals ist ein Unfall oder eine Krankheit (mit langfristigen, erheblichen Folgen) gleichbedeutend mit dem sozialen Abstieg. Ein wegen Erwerbslosigkeit Berenteter kann im Normalfall den Golfsport nicht ausüben. Hier kann nur ein Golfvereins- Modell mit ausgesprochen sozialem Hintergrund die Möglichkeit eröffnen. Als letzten Anteil einer sehr positiven Rehabilitationsentwicklung sehe ich die Bewegung in der Natur und an der frischen Luft sowie gruppendynamische Prozesse, die eine Sportausübung durch mehrere Personen grundsätzlich beinhaltet. Mein Fazit: das Golfspiel unterstützt in idealer Weise jegliche medizinische Rehabilitation und ermöglicht die soziale Rehabilitation.

Golfspielen als Schulsport

Golfspielen bedeutet zunächst einmal eine neue Sportart, bei der seltenst Vorkenntnisse bestehen, d.h. jeder hat die gleichen Vorraussetzungen beim Beginn des Unterrichts. Golfspielen ist ein Sport der das Miteinander und nicht Gegeneinander fördert. Es verlangt Rücksichtnahme auf den schwächsten Mitspieler im Flight. Golfspielen ist ein Wechsel aus Konzentration und Bewegung und ist deshalb besonders geeignet bei Kindern mit hypermotorischem Syndrom. Golfspielen lässt dem natürlichen Bewegungsdrang des Kindes genügend Raum, es ist deshalb für Kinder mit Aufmerksamkeits-Defizit-Syndrom (ADS) therapeutisch nutzbar.

Früh übt sich ... Nachwuchsförderung beim Golfclub Lilienthal Golfspielen ist durch sein strenges Regelwerk geeignet bei Kindern die Akzeptanz von Grenzen und Regelungen zu erhöhen, da während des Spielens genügend Zeit bleibt den Sinn und Zweck der Golfregeln zu erklären. Golfspielen eignet sich- wie im Erwachsenenbereich- besonders gut zur Integration von Schülern mit Behinderungenr ,da dieser Sport gemeinsam im Flight ausgeübt werden kann.

Die Integration der Kinder und Jugendlichen mit Behinderungen ist ein besonderes Anliegen des Golfclubs Lilienthals ,denn gerade bei Kindern sind Ängste und Vorurteile gegen Menschen mit Behinderungen noch nicht entwickelt. Deshalb werden wir nach der Realisierung unseres Projektes eine Zusammenarbeit mit allen Sonderschulen der Region anstreben, denn Kinder mit Sehbehinderung, mit Hörbehinderung oder mit Körperbehinderung können das Golfspiel erlernen. Das Projekt wird aus diesen Gründen auch wissenschaftlich vom Fachbereich Behindertenpädagogik der Universität Bremen begleitet. (Erfahrungen bei Kindern mit geistiger Behinderung gibt es nur im Einzelfall).