30.09.2018 Christophe Schuler bei Special Olympics

Schlag für Schlag

Mit dem Golfen steigerte Christophe Schuler sein Selbstbewusstsein – bald wird der Lilienthaler Sportler bei den Weltsommerspielen der Special Olympics antreten

Die Kühe auf der Weide neben der Lilienthaler Golfanlage ermahnt Christophe Schuler neuerdings auf Englisch. „Silence please“ raunt er ihnen entgegen, wenn sie ihn beim Abschlag stören. Bevor Schuler Schwung holt, braucht er Ruhe. Nur dann kann er alles um sich herum ausblenden. Das ist so, wenn er in Lilienthal spielt, und das wird auch so sein, wenn Christophe Schuler, 30, im kommenden Jahr in Abu Dhabi auf dem Grün stehen wird. Vor vielen Tausend Zuschauern, als einer von vier deutschen Golfern bei den Weltsommerspielen der Special Olympics.

Christophe Schuler ist geistig behindert – und einer der besten Golfer des Landes. Kaum ein deutscher Spieler mit Handicap hat ein besseres Handicap als er. Dabei entdeckte er den Sport erst spät für sich. Als die Special Olympics 2010 in Bremen stattfanden, tanzte er noch vor Tausenden, gemeinsam mit dem Grün-Gold-Club. Sein Tanz, das war der Cha-Cha-Cha. Im Grunde ist er es noch immer, nur tanzt Schuler ihn inzwischen viel seltener. Ihm bleibt weniger Zeit, seine Tage verbringt er inzwischen auf den grünen Hügeln des Golfclubs. Morgens geht er hier seiner Arbeit nach, Platzpflege. Er streicht den Sand glatt, sammelt Bälle, ebnet Maulwurfshügel ein. Am Nachmittag steht er als Sportler auf dem Platz. Zum Job kam er durch das Niels-Stensen-Haus, Schuler wohnt in der Worphauser Einrichtung, die mit dem Golfclub zusammenarbeitet.

Für den Verein ist Schuler „ein Glücksfall“, sagt Ulrich Kütz. Vom Label Inklusion hält der Vizepräsident des Clubs nicht viel, das schrieben sich inzwischen alle auf die Fahne, aber kaum wer setze sie wirklich um. „Wir nehmen das dagegen sehr ernst, deswegen wurde dieser Verein ja überhaupt erst gegründet“, sagt Kütz. Aktuell seien etwa zehn Prozent der 600 Vereinsmitglieder Sportler mit Behinderung. „Christophes Erfolg sehen wir auch als Bestätigung unserer Arbeit an", sagt Kütz.

Dabei war es seine Familie, die Schuler zum Golf brachte. Sein Vater leitet die Erweiterung des Golfplatzes in Lilienthal, auch seine Mutter spielt. Oft assistiert Dorothea Schuler ihrem Sohn, erinnert ihn an die Tipps der Trainer. Durch ihren Sohn habe sie „eine neue Leichtigkeit“ am Golfen entdeckt, sagt Schuler. Wenn sie ihren Sohn beim Abschlag beobachte, wie er in sich kehre und abschalte, beeindrucke sie das immer wieder. Oft wisse sie schon im Moment des Abschlags, ob er Christophe Schuler gelungen sei. Wenn es hell klinge, wie ein Glockenton, sagt Schuler, dann muss es ein guter Schlag gewesen sein.

„Golf ist wie eine Therapie für ihn“, glaubt Dorothea Schuler. „Der Sport hat Christophe selbstbewusster gemacht, er traut sich Schlag für Schlag mehr zu.“ Auch für Abu Dhabi hat sich Schuler ein ehrgeiziges Ziel gesetzt. „Ich will gewinnen“, sagt er. Seit fünf Jahren trainiert er für das Turnier im März des nächsten Jahres. Qualifiziert hat er sich im Mai bei den National Games in Kiel. Danach folgten eine Menge Papierkram und wochenlanges Warten.

Jetzt, wo Schuler weiß, dass er dabei sein wird, will er noch mehr trainieren – den Abschlag, den Moment, wenn er in sich ruht, aber vor allem sein Englisch. Wenn er um Ruhe bittet, dann sollen ihn die anderen auch in Abu Dhabi verstehen. Bis dahin probt er mit den Kühen in Lilienthal.

Quelle: Kurier am Sonntag vom 30. September 2018, Seite 32

Von Nico Schnurr

Foto: M. von Lachner