19.09.2018 Christophe Schuler bereitet sich auf Special Olympics vor

Perfektes Putten ohne viele Worte

Wie ein exzellenter Golfer mit geistiger Behinderung sich auf die Special Olympics vorbereitet

Lilienthal. Wenn Christophe Schuler den Schläger in den Händen hält, wird er ganz ruhig. Die Presseleute, seine Mutter und den Vereinsvorsitzenden – alle blendet er aus. Drei Mal testet er den Schlag mit präzisen, kontrollierten Schwüngen. Dann schlägt er schließlich zu. Der kleine harte Ball fliegt im hohen Bogen über das grüne Feld und landet nach knapp 75 Metern. Christophe könne es auch mit den professionellen Spielern im Golfclub Lilienthal aufnehmen, sagt seine Mutter, Dorothea Schuler. In den Interviews beantwortet sie die Fragen häufig für ihren Sohn oder erinnert ihn mit Gesten an Antworten, die er dann – wie auswendig gelernt – runterrattert. Christophe Schuler ist geistig behindert.

Als einer von über 7000 Athleten und Athletinnen fliegt er im März nach Abu Dhabi. Mit vier anderen deutschen Golfspielern und -spielerinnen tritt der 30-Jährige dort bei den Special Olympic World Games an. Schon fünf Jahre trainiert Schuler für diese Gelegenheit. Qualifiziert hat er sich im Mai bei den National Games in Kiel. In Abu Dhabi soll er dann auf zwei Leveln spielen: Das erste entspreche einem Geschicklichkeitswettbewerb. "Da muss er die Grundanschläge zeigen", erklärt Dorothea Schuler bei der offiziellen Verkündung von Christophes Nominierung. Wenn er dabei mindestens 60 Punkte erreiche, qualifiziere er sich für das nächste, finale Level: ein Neun-Loch-Turnier.

Dorothea Schuler, selbst Golferin, weiß Bescheid. Für ihren Sohn hat sie alle Termine und Wettkampfteilnahmen seiner knapp zehnjährigen Karriere organisiert. Sie hat auch die 30-seitige Bewerbung für die Weltmeisterschaft ausgefüllt. "Familienmanagement" kommentiert das Claus Kleyboldt, Vereinsvorsitzender des Golfclubs, und lacht. Im Laufe des Empfangs wird klar, dass es auch hauptsächlich die Familie war, die Christophe Schuler überhaupt erst zum Golfen gebracht hat. Die Eltern nahmen ihn stets mit zu ihren eigenen Golfausflügen, als Christophe noch lieber Cha-Cha-Cha tanzte und beim Golfen nur zuschaute, erzählt die Mutter. Vor acht Jahren schlug er dann selbst ein paar Bälle und blieb dabei. Auf die Frage, wie er Golf finde, antwortet Christophe: "Golf ist..." und stockt, dann schaut er zu seiner Mutter. "Toll" souffliert sie. "Bis zur Fahne", wirft er hinterher.

Dass es dann Christophe Schulers Hauptsportart wurde, war "eine Familienentscheidung", sagt Dorothea Schuler. Während sie spricht, zeigt ihr Sohn manchmal auf Fotos in einem Golf-Magazin vor ihr. Dann lächelt er in die Runde, sein Blick wandert über die Gesichter und bleibt dann über Kleyboldt und den anderen Vorstandsmitgliedern hängen.

Inklusion sei eins der erklärten Vereinsziele, sagt Kleyboldt. Von 600 Vereinsmitgliedern wären zehn Prozent Sportler und Sportlerinnen mit Behinderung. Diese würden nicht nur Bälle schlagen, sondern auch sammeln. Auch Christophe Schuler packt jeden Tag ab 9 Uhr mit an. "Er unterstützt unsere professionellen Greenkeeper", erklärt der Vorsitzende. Dazu gehört auch Rasenmähen und Blumenbeete pflegen. Organisiert wird die Arbeit vom Niels-Stensen-Haus, in dem Christophe Schuler auch wohnt. "Allein" wie er sagt.

In seiner Freizeit spielt er auf den grünen Hügeln des Golfclubs. Eine Stunde täglich, sagt er. Einmal in der Woche gegen seine Mutter, sagt Dorothea Schuler, und zwei Mal in der Woche in seiner Trainingsgruppe. Die ist – wie der Verein – gemischt. Mit Christophe Schuler seien noch zwei andere Golfspieler mit Beeinträchtigung in der Jugendgruppe, sagt einer der zwei Trainer, Jendrik Cordes. An diesem Abend übt er mit ihnen das "Shippen".

Wie in jedem Jugendtraining arbeitet er auch viel mit Bewegungsspielen und Auflockerungsübungen. Für Christophe Schuler mache er nichts anders, sagt Cordes, außer beim Erklären der Technik. Denn die verbale Kommunikation sei teilweise schwierig mit dem Golfer. "Wir arbeiten stattdessen mit Zeigen und Führen", so Cordes, der auf die nonverbale Verständigung setzt. Von seinem Schüler spricht er in den höchsten Tönen: "Er ist ein besonders versierter Putter. Darin steht er den Trainern in nichts nach."

Dorothea Schuler zufolge soll er ab Oktober mit dem Nationaltrainer Bradly Kerr trainieren. Im März 2019 dann in Abu Dhabi mit den anderen deutschen Golfspielern und Golfspielerinnen – zum ersten Mal ohne seine Mutter, sagt Dorothea Schuler. Auf die Frage, ob er sich auf Abu Dhabi freue, sagt Christophe Schuler nach einem Handzeichen seiner Mutter: "Ja". Es ist ein braves Ja.

Seit fünf Jahren Golf-Unterricht

Der Lilienthaler GolferChristophe Schuler ist für die Special Olympics World Games 2019 nominiert worden. Das gab der Golfclub Lilienthal am Dienstag auf einem Empfang im Beisein von Club-Präsident Claus Kleyboldt bekannt. Schuler nimmt seit fünf Jahren Golfunterricht im Verein und hat bereits an diversen Turnieren teilgenommen. Zuletzt qualifizierte sich der 30-Jährige bei den National Games für die Weltmeisterschaft, dem wichtigsten Turnier der Special Olympics. Alle zwei Jahre treten im Rahmen der World Games Tausende Athleten und Athletinnen mit geistiger Behinderung gegeneinander an. Austragungsort ist bei den kommenden Spielen im Jahr 2019 Abu Dhabi in den Vereinigten Arabischen Emiraten. Insgesamt vier Golfer und Golferinnen aus Deutschland reisen im März mit Schuler in die Hauptstadt.


Quelle: Wümme Zeitung vom Mittwoch, den 19. September 2018, Seite 8

von Eva Przybyla

Foto: Maximilian von Lachner